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Niemals sollte die Wahrheit einer guten Geschichte im Wege ­stehen

Zu Besuch bei Chester Nealie

Der Satz fiel, als ich mit Chester über die Werbung für sein kalkspatz-Seminar im August sprach: »The truth should never stand in the way of a good story«. Was ja aber nicht heißen muss, dass gute Geschichten immer erlogen sein müssten…

GulgongWir hatten uns Ende Januar 2012 in Sydney ein Auto geliehen und fuhren am zeitigen Vormittag an der Jervis Bay los in der Meinung, die 450km bis Gulgong wären nicht so weit und wir müssten spätestens zum Kaffee da sein. An das Linksfahren konnte ich mich relativ schnell gewöhnen, dumm nur, dass die Australier auch die Lage der Schalter für Blinker und Scheibenwischer vertauschen. Chester hatte geschrieben, wir sollten anrufen, wenn wir in etwa wüssten, wann wir einträfen, er würde uns in Gulgong abholen, wir würden das sonst nie finden. Das taten wir in den Blue Mountains, etwa auf der Hälfte der Strecke. Allerdings war dann noch bei Lake Windamere dieser Unfall, man sagte uns, die Straße bliebe mindestens noch zwei, drei Stunden gesperrt. Wir fuhren dann einfach den Australiern hinterher, in der Hoffnung, die würden auch in dieselbe Richtung wollen. Das Navi bat uns die nächsten 40km, wir sollten wenden. In Rylstone (bekannt für seine Feldspäte, z. B. Janet Mansfield war hier Kunde) war dann keiner mehr zu sehen und auch keinerlei Wegweiser. Das Navi schickte uns immer noch in die Richtung, aus der wir kamen. Wir wollten Chester anrufen, um die Verspätung mitzuteilen, auf den 70km bis Mudgee war jedoch kein Netz zu bekommen. Dann erreichten wir nur Jan, seine Frau, er war schon losgefahren. Und hatte sein Handy zu Hause liegen gelassen. Zwei Stunden später als gedacht trafen wir ihn dann in Gulgong in angeregtem Gespräch mit einem Bekannten. Kein Vorwurf, keine schlechte Laune. Wir fuhren ihm hinterher, die Straßen wurden immer enger, dann eine Schotterpiste, von der ein Feldweg abzweigte. Chester hielt auf freiem Feld, stieg aus und entnahm dem Einkaufsbeutel eine Tüte Weitrauben. Zwei Emus rannten auf ihn zu und pickten ihm die Weintrauben aus der Hand. Etwas später dann am Zaun das große, handgemalte Schild »NO SCHOOTING«. Kurz bevor wir den kleinen Berg vor dem Haus hinauffuhren, hoppelten ein paar Känguruhs in den Wald – die ersten, die wir nach 4 Wochen Australien zu Gesicht bekamen!

Emu Chester sagte, wir würden über der Werkstatt schlafen. Als wir unser neues Domizil bezogen, staunten wir nicht schlecht: Eine Töpferei ohne Staub, und das mitten im australischen Busch! Wobei es so aussah, als wäre das hier immer so und nicht nur extra wegen uns. Am nächsten Tag zeigte uns Chester das Grundstück. Über die 100ha fuhren wir mit seinem alten Land Rover. Im Wald hatte er einen zweiten Damm zusammengeschoben, der auch gut mit Wasser gefüllt war – für die Tiere. Ein Sohn hat mit ihm gemeinsam im Wald Steine aufgeschichtet – Landart im Busch. Ich hob einen Stein auf und wurde von Chester belehrt, das mache man in Australien nicht so. Wenn man etwas aufheben will, kippt man es zuerst so an, dass die Unterseite von einem selbst weg weist, damit das, was vielleicht darunter ist, flüchten kann – sei es eine Giftschlange oder ein Skorpion. Als wir wieder zurück im kalten Deutschland waren, ertappte ich mich dabei, auf dem Boden liegende Dinge immer noch »auf australisch« aufzuheben.

Wir waren noch nicht lange zurück, als uns Chester rief. Auf dem kleinen Trampelpfad zwischen Haus und Werkstatt zeigte sich der erste Goanna des Jahres.

chesters house

Das sind australische Warane, die wie kleine Überlebende der Saurierzeit aussehen und bis zu 2,5m lang werden. Man glaubte lange, sie wären nicht eigentlich giftig, aber da sie sich häufig von Aas ernähren, führe ein Biß mit den recht spitzen Zähnen meist zu unangenehmen Infektionen. Inzwischen legen Studien das Vorhandensein von Drüsen im Maul nahe, die giftige Substanzen produzieren. Ihren langen Schwanz können sie ähnlich wie Krokodile als Waffen einsetzen. Chester freut sich offensichtlich über die Begegnung und holt aus der Küche ein paar Geflügelknochen, die der Goanna im Flug fängt und im Ganzen herunterschluckt. Der Name von Chesters Töpferei, Goanna Ridge Pottery, hat sich mit dieser Begegnung selbst erklärt. Für uns heißt das, den Weg von unserem Domizil zum Bad im Dunkeln möglichst nur mit Taschenlampe und hellwach zurückzulegen.

Für 17.00 Uhr haben wir uns auf der Veranda verabredet, es gäbe ein paar »Nibbles«, was sich als leckere Cracker mit Hummus (Kichererbsenmus) und (natürlich australischem) Rotwein herausstellt. Aber nicht nur wir bekommen etwas.

Chester+parrot

Aus dem Buschland um das Haus kommen immer mehr Wallabies, kleinere Verwandte der Känguruhs. Chester wirft ihnen ein paar Handvoll Hasenfutter zu, woraufhin sie bis an die Veranda heranhüpfen. Etwas weiter, hinter dem Damm vor dem Haus, erscheint Hirschwild und versucht, sich ein paar Blätter von den Obstbäumen abzureißen, indem es auf die Hinterläufe steigt. Es wird laut: Ein Schwarm Papageien landet erst im Baum vor dem Haus, dann kommen sie auf die Brüstung der Veranda und holen sich Sonnenblumenkerne. Chester nimmt ein paar Kerne in die Hand und tatsächlich: nach einiger Zeit kommt einer der Vögel und frißt ihm aus der Hand! Nun wird es am Waldrand hinter dem Damm lebendig, die großen Eastern Grey Känguruhs kommen heraus und fressen das Gras entlang des Weges. Nachdem die Sonnenblumenkerne alle sind, kommen zwei »Butcher-Birds« und fangen kleine Stückchen Hackfleisch im Flug.

Chesters Ofen besteht im Grunde aus drei Kammern: der sehr großen Feuerung, in der auch Töpfe stehen, der eigentlichen Brennkammer, in der er auch salzt und einer kleineren Kammer vor dem Schornstein. Für die erste Phase des Brandes verwendet er Eukalyptusholz, in der zweiten Schwarzholzzypresse, beides vom eigenen Grundstück.

chesters kiln

An den Stücken fällt ihre Großzügigkeit auf, sie bekommen viel von allem: Asche, Salz, Glasuren. Wie er das erreicht, wird er bei seinem Seminar in Alt Gaarz zeigen. Außerdem hat er noch einen zweiten, kleineren Ofen gebaut, um bei sich Workshops durchführen zu können oder anderen Keramikern das (Mit-) Arbeiten zu ermöglichen. Seine größeren Arbeiten entstehen in einer Mischung aus Drehen und freiem Aufbauen auf der Scheibe. An einigen arbeitete er gerade, als wir dort waren. Wie immer, wenn eine keramische Technik beherrscht wird, sah das sehr einfach aus. Wir freuen uns jedenfalls sehr darauf, die Jan und Chester im Sommer als Gäste zu haben und ich freue mich darauf, mit Chester zusammenarbeiten zu dürfen. http://www.mueritzkeramik.de/kurse/seminar_chester_nealie http://www.sidestoke.com/Nealie/index.html